Polentörn 2017

Zugegeben, es war kein gemächlicher Törn, wie er einem 80jährigen wie mir angemessen wäre, jedoch mein ein gutes Dutzend Jahre jüngerer Mitsegler war voller Tatendrang und wollte unbedingt Stettin und Danzig mal wieder besuchen.  So willigte ich ein, zu zweit innerhalb eines Monats mehr als 900 Seemeilen zu fahren, habe es aber nicht bereut. Der zeitliche Rahmen war durch familiäre Verpflichtungen gesteckt.

Bei einem strammen West ging es nur unter Fock zunächst nach Burgstaaken. Der Hafen hat zwar wenig Gastplätze ist aber geschützter als die große Marina Burgtiefe.

Unser nächstes Ziel war Wismar. Das liegt zwar nicht ganz am Wege, aber wir wollten dem Städtchen einen Besuch abstatten. Tags darauf bei flauen Winden segelten und motorten wir abwechselnd nach Kühlungsborn. Auch hier blieben wir nur eine Nacht.

Am folgenden Tag fuhren wir nur unter Fock bei W5-6 zunächst zur Tonne Darsser Ort West. Den Nothafen versuchten wir gar nicht erst zu erreichen, da wir wussten, dass die Einfahrt versandet war. Der Wind hatte inzwischen auf 7 Bf aufgefrischt, und wir liefen platt vorm Laken Richtung Hiddensse in der Absicht nach Barhöft abzubiegen. Trotz sorgfältigem Steuern schlug das Segel mehrfach um, und es entstand ein kleiner Riss im Unterliek. Wir konnten die Rollfock so weit aufrollen, dass der Riss sich nicht vergrößerte. Die Geschwindigkeit sank dadurch nur unmerklich. Aber ich änderte meinen Kurs in Richtung Nordspitze der Insel und hatte so einen stabileren Kurs. Nach 11 Stunden und 67 sm machten wir in Vitte fest. Dies war der weiteste Schlag unseres gesamten Törns.

Es war Wochenende und so konnten wir in Stralsund keinen Segelmacher finden. Wir machten einen kleinen Bummel durch die Stadt, legten danach gleich wieder ab, um 17.25 Uhr die Ziegelgraben-Klappbrücke zu passieren. In Stahlbrode übernachteten wir. Das östliche der 2 Hafenbecken ist inzwischen gut ausgebaut. Außer bei östlichen Winden liegt man dort sehr gut vor Heckboje. Saubere Toiletten und Duschen. Ein gemütlicher Kiosk mit leckeren Fischgerichten. Es geht dort eine Fähre über den Strela-Sund. Die legt aber östlich draußen vor an. Am nächsten Tag liefen wir die große Marina Kröslin an, ließen am darauf folgenden Morgen das Segel reparieren und fuhren gleich weiter, passierten die Brücken Wolgast und Zecherin und übernachteten in Mönkebude.

Tags darauf segelten wir durch das Stettiner Haff und streckenweise die Oder hinauf. Streckenweise mussten wir auch motoren. Wir wollten im Stadthafen von Stettin festmachen, der laut Plan kurz vor der berühmten Hakenterrasse liegt. Den gab es aber nicht mehr. Wir fuhren ein Stück weiter in Richtung der Brücke über die West-Oder. Da entdeckten wir hinter der kleinen Insel, die gegenüber der Hakenterrasse liegt, eine nagelneue großzügige Marina. Dort legten wir an. Ab Mönkebude hatten wir 44 sm zurückgelegt.

Ein Hafentag war fällig. Zum Stadtkern sind es zu Fuß etwa zwei Kilometer, da man über die Brücke muss. In Hafennähe gab es keine Versorgungsmöglichkeiten. Das wird sich aber wohl sehr bald ändern. Rege Bautätigkeit lässt vermuten, dass hier in Kürze ein lebhaftes Kulturviertel entstehen wird. In der quirligen Großstadt genossen wir das Landleben und versorgten wir uns mit pfandfreiem Bier und anderen Leckereien.

Dann ging es weiter, 35 sm nach Swinemünde. In dem geräumigen Clubhafen findet man immer einen Platz. Am nächsten Tag bei Dauerniesel 50 sm bis Kolberg. Elende Meilenfresserei! Die moderne Stadt Kolberg hat einen neuen großzügigen Gästehafen gleich neben dem alten, der nur noch für Dauerlieger eingerichtet ist. Unser nächstes Ziel war Darlowo, ein Hafen, den ich inzwischen gerne mag. Er hat allerdings seine Tücken: Bei starken auflandigen Winden bilden sich vor der Einfahrt hohe Wellen, die sich fast ungedämpft bis hoch in den Hafen fortpflanzen. Kurz hinter der Einfahrt sperrt eine Rollbrücke den Weg, die nur stündlich öffnet. Wenn man zu früh kommt muss man bei unangenehmem Schwell an der Spundwand ausharren. Inzwischen braucht man nicht mehr an der Spundwand übernachten, sondern es wurden Liegeplätze in einem Seitenbecken geschaffen, das geschützter ist. Man kann aber notfalls den Fluss noch etwas weiter hinauffahren, wo das Wasser wieder ruhig ist. In der Nähe der Brücke ist das Touristenzentrum mit Kneipen, Butiken und Geschäften. Tourismus blüht übrigens in allen Hafenorten Polens. Etwa 3 km Flussaufwärts befindet sich der eigentliche Ort Darlowo. Mit dem Segelboot kommt man dort nicht hin, aber ein Fußmarsch lohnt sich. Das Flussufer ist streckenweise zu einer gepflegten Promenade ausgebaut mit einem Trimmpfad und unzähligen Trimmgeräten. Der Ort bietet ein behagliches Stadtbild mit gemütlichen Ecken.

Der nächste Hafen in östlicher Richtung heißt Ustka. Ihn meide ich nach Möglichkeit wegen des ungebremsten Schwells, der hier hineinstehen kann. Zwischen Ustka und Darlowo befindet sich ein militärisches Übungsgebiet, das oft gesperrt ist. Und man muss sich über die Sperrzeiten informieren. Es gibt noch mehr Sperrgebiete an Polens Küste. Die sind aber seltener aktiv.

50 sm waren es von Darlowo bis nach Leba, unserem nächsten Ziel. Leba ist einer der bei Seglern beliebtesten Häfen. Man liegt dort geschützt an Schwimmstegen, gute Duschen und Toiletten. Der Ort ist etwa 2 km entfernt, fröhliches touristisches Treiben. Es lohnt sich, per (Leih)-Fahrrad zu der enormen Wanderdüne zu radeln, die man schon von See aus sehen konnte. Wir verbrachten in Leba zwangsläufig, aber gern einen Hafentag weil wir eingeweht waren.

Dann ging es weiter nach Wladislawowo, ein großer Fischerhafen an der Nordspitze der Halbinsel Hel bzw. am Eingang der Danziger Bucht. Der Ort wimmelt von Touristen ist aber nicht besonders ansprechend. Für Sportboote gibt es einige Schwimmstege. Am nächsten Tag kreuzten wir entlang der Küste zum Hafen von Hel, der an der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel liegt. Hel ist ein ansprechender Touristenort. In seiner Umgebung findet man zahlreiche Relikte aus dem letzten Weltkrieg und der Zeit danach.

Dann ging es endlich weiter Richtung Danzig. Eigentlich wollte ich den neu errichteten Hafen von Zoppot kennenlernen, aber aus Zeitgründen ließen wir ihn an steuerbord liegen. Wieder nur unter Fock fuhren wir in die Weichsel hinein, dippten pflichtgemäß vor dem Denkmal der Westerplatte unsere Flagge und machten am frühen Nachmittag im Stadthafen fest. Dieser ist schräg gegenüber dem Krantor sehr zentral gelegen. Guter Service, Hafengeld ca 15 € pro Tag. Rege Bautätigkeit auf dem gegenüberliegenden Ufer. Wahrscheinlich entstehen auf dieser ehemals verwahrlosten Halbinsel Hotels und Luxuswohnungen. Ein großes Riesenrad ist schon in Betrieb. Aus Furcht, wegen widriger Westwinde nicht rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, nahmen wir uns nur einen Hafentag für diese interessante Stadt. Aber immerhin waren wir schon oft hier.

Bei regnerischem Wetter verließen wir Danzig und kamen bei Dauerregen in Wladislawowo an. Eine Starkwindperiode mit westlichen Winden kündigte sich an. Deshalb versuchten wir am nächsten Tag, Strecke Richtung Westen zu gewinnen, mussten aber nach vergeblichem Kampf gegen 5 - 6 Windstärken und grobe See aufgeben. Drei weitere Hafentage waren wetterbedingt nun leider unvermeidbar.

Um die Bucht, die vom Festland und der Halbinsel Hel umschlossen wird, führt eine Bahnlinie von Gdingen bis nach Hel. Wir machten interessante Fahrten nach Gdingen, Puck und Jastarnia in von Touristen und Einheimischen überfüllten Zügen. Dann trauten wir uns endlich, gegen eine 5 aus West und grobe See nach Leba aufzukreuzen. Ein mühsames Geschäft, anstatt 30 sm hatten wir schließlich 50 sm auf der Logge!
In Leba wurden wir mit Hallo begrüßt. Bekannte Segler aus Strande, die auf dem Weg nach Danzig waren, nahmen uns in Empfang.

Dann beruhigte sich das Wetter so sehr, dass wir in langen Schlägen Richtung Heimat motorten. Naja, einige Strecken konnten wir auch segeln. In Burgtiefe waren wir am letzten Tag noch einmal eingeweht. Aber rechtzeitig zur Familienfeier war ich in Kiel zurück.

Ein Bericht von Dieter Wolf